1. #1
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    Leider mit Leid

    *für T.L.

    Schleimig, triefend ekeln mich wie nackte Schnecken
    Menschen, die ihr Schicksal in die Welten kreischen,
    hemmungslos in eigner Schwäche sich noch recken
    und dann bettelnd Mitgefühl und Tränen heischen.

    Sich an Unzulänglichkeiten fest zu klammern,
    scheint die neue Tugend unsrer Weltenheuler.
    Will ich mit den armen Seelchen gar nicht jammern,
    reißen sich die Mitleidsboten ihre Mäuler.

    Einig geifernd haben diese sich verschworen,
    Sympathie durch leeres Mitleid zu ersetzen,
    haben sich zu neuen Helden auserkoren,
    deren Mastgedärm die Würmer schon zerfetzen.

    Nein! ich will euch euer tragisch' Los nicht neiden;
    hattet ihr ein Leben lang doch nichts als Leiden.


    © LeVampyre | XVI, Auf. 2004

    Dieser Text kann als mp3 auf meiner Homepage angehört werden.
    Bitte beachtet auch die besonderen Lizenzbestimmungen an meinen kreativen Werken!
    Eine Liste meiner bei Gedichte.com veröffentlichten Texte gibt es u.a. in meinem Sammelfaden.
    Geändert von levampyre (19.03.2006 um 23:19 Uhr)

  2. #2
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    Nur kurz:
    Gewohnt gut in der Wortwahl, die lyrische Verdichtung der Sprache ist 1A und das metrische Schema schön durchgehalten. Inhaltlich verhält es vollkommen, mal etwas neues, aber ich denke viele werden dieses Gedicht mit einem Kopfnicken quittieren.

    Wirklich ein gutes, solides Gedicht

    lg
    Satch
    Das hier ist meine Signatur und ich bin stolz darauf.

  3. #3
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    Metrik hin oder her, ich habe Schwierigkeiten, es flüssig zu lesen, da ich logisch teils anders formulieren würde.


    Inhaltlich gehe ich absolut d´accore, top ausgestaltet.

  4. #4
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    @satch:
    Danke für das Lob. Aber ich verstehe noch nicht ganz: "Inhaltlich verhält es vollkommen, mal etwas neues [...]". Hä? Wie meinst du das und vorallem was meinst du? Vielleicht kannst du nochmal kurz zwei, drei Worte dazu sagen - dieses oder nächstes WE.

    @Danse:
    Daß du inhaltlich, d'accord gehst, habe ich mir fast gedacht. Aber ich hatte heimlich gehofft, daß ich mit der Widmung doch mal ein paar mehr Worte von dir erheischen könnte. Fuck, du bist wirklich konsequent.
    Na gut, aber kannst du vielleicht noch erklären, wo genau du die Leseschwierigkeiten hast und wie du vom logischen Standpunkt her anders formulieren würdest?

    LG
    euch beiden
    --LeV

    Man sollte keine Dummheit zweimal begehen, schließlich ist die Auswahl groß genug. ~ J.P. Sartre

  5. #5
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    Hallo leVampyre,

    Irgendwie gefielen mir ältere Gedichte von dir besser. Ich finde Sonette von dir viel besser. Dieser sechshebige Jambus gekoppelt mit dem Kreuzreim wirkt irgendwie zu alltäglich, was ich von dir nicht gewohnt bin. Ist dir deine gewählte Form nicht selber zu langweilig? Ich sehe auch keinen Grund, warum du die Form im Gleichgewicht des Inhaltes benuzt hast. Gibt es Anhaltspunkte? Was mir Sorgen gemacht hat, ist das ich den Inhalt sofort verstanden habe. Es geht wohl wiedermal um die Kritik an der heutigen Gesellschaft, die aus Menschen besteht, die in ihrem Leben nicht viel auf die Reihe bekommen. Sehe ich auch den vielangesprochenen Pseudodichter als Kritikpunkt in S3 Z3 und Z4? Für mich beinhaltet das Gedicht jedoch nicht viel neues und ich kann somit nicht all zu viel damit anfangen. Insgesamt enthält dein Gedicht ein schönes Bild ("Deren Mastgedärm die Würmer schon zerfetzen,"), jedoch ist mir der Rest zu langatmig, zu spröde, zu oft gehört. Der Teil des angesprochenen dummen Volks wird die Kritik wohl verstehen. Ich fühl mich leider nicht verstanden.

    "Schleimig, triefend ekeln mich wie nackte Schnecken
    Menschen, die ihr Schicksal in die Welten kreischen,
    Hemmungslos in eig'ner Schwäche sich noch recken
    Und dann bettelnd Mitgefühl und Tränen heischen.

    XxXxXxXxXxXx
    XxXxXxXxXxXx
    XxXxXxXxXxXx
    XxXxXxXxXxXx

    Sich an Unzulänglichkeiten fest zu klammern,
    Scheint die neue Tugend uns'rer Weltenheuler.
    Will ich mit den armen Seelchen gar nicht jammern,
    Reißen sich die Mitleidsboten ihre Mäuler.

    XxXxXxXxXxXx
    XxXxXxXxXxXx
    XxXxXxXxXxXx
    XxXxXxXxXxXx

    Einig geifernd haben diese sich verschworen,
    Sympathie durch leeres Mitleid zu ersetzen,
    Haben sich zu neuen Helden auserkoren,
    Deren Mastgedärm die Würmer schon zerfetzen.

    XxXxXxXxXxXx
    xxXxXxXxXxXx (Sympathie xxX betont, siehe Melodie/Anarchie xxX, wahrscheinlich beides möglich)
    XxXxXxXxXxXx
    XxXxXxXxXxXx

    Nein! ich will euch euer tragisch' Los nicht neiden;
    Hattet ihr ein Leben lang doch nichts als Leiden."

    XxXxXxXxXxXx
    XxXxXxXxXxXx

    Ich vermute es ist Absicht, aber warum haben sind die letzten beiden Zeilen so einsilbig?

    Gruß

    Hummel

    Deine Welt ist meine Welt.

  6. #6
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    Hi Hummel,

    hm - du magst also Sonette von mir lieber? Na gut, warte - ich mache ein Sonett daraus:

    Schleimig, triefend ekeln mich wie nackte Schnecken
    Menschen, die ihr Schicksal in die Welten kreischen,
    Hemmungslos in eig'ner Schwäche sich noch recken
    Und dann bettelnd Mitgefühl und Tränen heischen.

    Sich an Unzulänglichkeiten fest zu klammern,
    Scheint die neue Tugend uns'rer Weltenheuler.
    Will ich mit den armen Seelchen gar nicht jammern,
    Reißen sich die Mitleidsboten ihre Mäuler.

    Einig geifernd haben diese sich verschworen,
    Sympathie durch leeres Mitleid zu ersetzen,
    Haben sich zu neuen Helden auserkoren,

    Deren Mastgedärm die Würmer schon zerfetzen.
    Nein! ich will euch euer tragisch' Los nicht neiden;
    Hattet ihr ein Leben lang doch nichts als Leiden.

    So, jetzt ist es formell fast wieder wie meine anderen Sonette.

    Zur Terminologie: Imabus ist das Ding, das mit 'nem Auftakt beginnt (xX). Das, was du hier liest, ist ein Trochäus (Xx), also ohne Auftakt.
    Zur Metrik: "Sym-pa-thie" hat zwar seinen Hauptakzent auf der letzten Silbe, aber seinen Nebenakzent auf der ersten. Ich denke, daß ich das hier so einordnen kann, vorallem wenn es im Zusammenhang mit einem so reinen Trochäus erscheint. Stört es denn arg beim Lesen? Kommst du ins Stolpern?
    Zu Inhalt, Sprache und Form: Ja, der Inhalt ist nicht schwer zu verstehen - hier gibt es keinen undurchdringbaren oder scher zu entschlüsselnden Metaphernkomplex, wie bspw. in "Auf Kurs" oder dem Silberspiegel. Dennoch war mir dieses Gedicht ein inneres Bedürfnis. Die Thematik beschäftigt mich schon irgendwie. Ich sitze darüber hinaus gerade an einer Glosse mit diesem Topos, die noch etwas weiter geht und die Zusammenhänge und Hintergründe deutlicher machen soll, als es hier der Fall ist. Es sollte kein tiefgreifendes Werk werden, weder formell, noch inhaltlich - sprachlich istn es eigentlich auf keinem anderen Niveau als meine anderen Texte, nur vielleicht nicht so "verworren".
    Ist dir deine gewählte Form nicht selber zu langweilig?
    Nein, nein, das geht schon, man kann nicht nur "Dichtung und Wahrheit"- oder "Auf Kurs"-Formen schreiben. Das Sonett oder die daran erinnernden Formen, die ich oft wähle, sind schon etwas Grundsolides, denke ich.
    Sehe ich auch den vielangesprochenen Pseudodichter als Kritikpunkt [...]
    Ja, oder auch die Serien- und Talkshow-Stars, die Roman-Helden und Daniel-Kübelböcks unserer Zeit - du magst einsetzen, wen du möchtest.
    Ich sehe auch keinen Grund, warum du die Form im Gleichgewicht des Inhaltes benuzt hast.
    Was? Wie meinst du das? Das ist doch erstrebenswert, oder nicht? Stört es dich, daß der Inhalt die Form bestimmt?
    [...] jedoch ist mir der Rest zu langatmig, zu spröde, zu oft gehört.
    Ja, oft gehört - aber ich finde, man kann es nicht oft genug sagen, da zumal es immer noch nur der geringere Teil der Gesellschaft rafft. Jetzt ist es wenigstens gebunden. Schade trotzdem, daß ich dich nicht mehr mitreißen konnte. Vielleicht nächstes mal wieder.
    Der Teil des angesprochenen dummen Volks wird die Kritik wohl verstehen.
    Nein, das glaube ich wiederum nicht. Die Leute, die es genauso sehen, die werden es begreifen. Die anderen werden zu Mitleidsboten. Da gehe ich jede Wette ein...
    Danke für deine Kritik.
    LG
    vamp
    --LeV

    Man sollte keine Dummheit zweimal begehen, schließlich ist die Auswahl groß genug. ~ J.P. Sartre

  7. #7
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    bonsoir vampire

    (mmh qu`est que je pense de ce poeme ??)

    also ich interpretiere das so:
    du bist angeekelt von bettlern.

    also du willst nicht ständig angeschnorrt werden,
    wenn du einfach die strasse entlang gehst.

    zur sprache des gedichts:
    ich finde die sprache ist sehr durchgängig.
    man sieht,dass das gedicht einer feder entstammt.
    die wortwahl ist zumeist negativ
    (Schleimig, triefend,Schwäche,
    bettelnd Mitgefühl und Tränen heischen.
    Unzulänglichkeiten, Mitleidsboten)
    das mag ich nicht so,
    naja , poesie muss auch traurig und negativ sein.

    aber das ende:
    Nein! ich will euch euer tragisch' Los nicht neiden;
    Hattet ihr ein Leben lang doch nichts als Leiden.
    bedeutet,dass du, obwohl du sie verachtest
    (obwohl das lyrische ich sie verachtet !!!)
    niemals mit ihnen tauschen würdest.

    ich glaube ich habe derart zeilen schon gelesen.
    sie bieten keinerlei ausweg,keinerlei möglichkeit
    solchen menschen zu helfen.

    das ist mir zu einfach,
    obwohl das gedicht
    unbestreitbar "gut" ist als gedicht.

    grüsse rudi






  8. #8
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    Hi,
    höre ich in den letzten beiden Versen ein wenig Sarkasmus heraus? Zu mindest sehe ich einen böse grinsenden Levampyre, wenn ich die letzten beiden lese. Naja, und sonst wurde schon alles zur Form gesagt. Beim Inhalt gebe ich teils Hummel Recht. Der Text sticht doch aus den anderen von Dir heraus. Du hast viele schwere Worte (Mastgedärm, Weltenheuler etc.) verwendet, um Deinen Text vermutlich dichterisch anspruchsvoller zu machen, doch wirken sie in meinen Augen zu sher gesetzt.
    Gruß Ahsil

    Na klar siehts wie ein Sonett aus...
    und
    Ihr seid entbehrlich, krauchendes Getier!

  9. #9
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    @Rudi:
    "Sehe ich auch den vielangesprochenen Pseudodichter als Kritikpunkt [...]" (Hummel) "Ja, oder auch die Serien- und Talkshow-Stars, die Roman-Helden und Daniel-Kübelböcks unserer Zeit - du magst einsetzen, wen du möchtest." (levampyre)
    Du darfst natürlich auch Bettler einsetzen, wenn du das magst. Aber verwechsele dann bitte nicht mehr lyrisches Ich und Autor!

    @Ahsil:
    Danke, ja, es ist schon etwas anderes als die anderen Texte, aber man möchte ja nicht immernur dasselbe machen. Übrigens, "Weltenheuler" war eines der ersten Worte, daß mir zu diesem Topos einfiel, "Mastgedärm" eines der letztes.

    LG
    vamp

    [Geändert durch levampyre am 24-08-2004 um 06:24]
    --LeV

    Man sollte keine Dummheit zweimal begehen, schließlich ist die Auswahl groß genug. ~ J.P. Sartre

  10. #10
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    @lev
    danke für die antwort
    jetzt macht das schon ein wenig mehr sinn für mich.
    und es zeigt mir mal wieder, wie sehr worte
    missverstanden werden können.

    grüsse rudi

  11. #11
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    Kommt Zeit, kommt Rat.
    Kommt Attentat.


    Hier, meine Kritik, vermaledeite Nervgöre:

    Schleimig, triefend ekeln mich wie nackte Schnecken
    Menschen, die ihr Schicksal in die Welten kreischen,
    Hemmungslos in eig'ner Schwäche sich noch recken
    Und dann bettelnd Mitgefühl und Tränen heischen.

    Überdeutlicher Einstieg, wortgewaltig in all Deiner Ablehnung.
    Und doch: mit Schwächen.
    In Z1&Z2 fehlt Dir ein Komma am Versende, um die Schachtelkonstruktion Deines Satze logisch sinnig zu erhalten. So kippt der Lesefluß ins Leere.
    Die ganze Strophe in einem Satz - Kompliment, eine sprachhandwerklich anspruchsvolle Leistung, doch unsinnig für den Lesefluß und die Rezeption des Lesers. Setze lieber hinter kreischen einen Punkt, denn dort müßte er sowieso stehen. Damit entsteht eine formale Zweiteilung der Strophe, die inhaltlich sowieso gegeben ist.

    Z3 - sich noch recken mögliche, aber ungebräuchliche Hilfskonstruktion, die erahnen läßt, daß Dir hier der Reim nicht leicht von der Hand ging. "recken" paßt inhaltlich gut zum übertragenen Bild ("seht her, ich LEIDE!!"), wirkt aber dennoch etwas zu direkt(simpel) als Reimwort auf "Schnecken", da dieser Reim sehr markant und kaum andere Variationen möglich sind. Schade, dem ist hier nicht beizukommen und diese Einschätzung sicherlich auch etwas subjektiv.


    Sich an Unzulänglichkeiten fest zu klammern,
    Scheint die neue Tugend uns'rer Weltenheuler.
    Will ich mit den armen Seelchen gar nicht jammern,
    Reißen sich die Mitleidsboten ihre Mäuler.

    "Sich ... fest zu klammern" wieder eine etwas ungelenk auf mich wirkende Formulierung, um das Verb mit Nachhilfe ans Versende zu bringen.
    Logisch fehlt mir vor Z3 ein "doch" um den logischen Widerspruch des lyr Ichs gegen Z1&Z2 auch sprachlich sauber einzuleiten. Hier wirkt´s ohne jene Überleitung etwas zu direkt. Klar, eine Konzession an die Metrik, wie sie mir auch gerne mal unterläuft, doch nicht ganz astrein.

    Sehr schön dagegen finde ich Z4, prägnant und gelungen kunstvoll formuliert.


    Einig geifernd haben diese sich verschworen,
    Sympathie durch leeres Mitleid zu ersetzen,
    Haben sich zu neuen Helden auserkoren,
    Deren Mastgedärm die Würmer schon zerfetzen.

    Hier gelingt die Vers-in-einem-Satz-Konstruktion, da Du nicht so wahnwitzig tief verschachtelst. Der inhaltliche Wiederspruch setzt eine klare, wenn auch sehr vorhersehbare (logisch!), Pointe. Doch da von Beginn an die gesamte Aussage des Gedichtes absolut sonnenklar dem Leser mithilfe des stumpfen Holzpflocks eingeimpft wird, entsteht kein Spannungsbogen. Interesse weckt das Gedicht eher nur in der Neugier, wie Du wohl im weiteren formulieren wirst.


    Nein! ich will euch euer tragisch' Los nicht neiden;
    Hattet ihr ein Leben lang doch nichts als Leiden.

    In dieser Kürze eigentlich überflüssig, da Du schon in S2 desgleichen anführst. Es wäre wahrscheinlich geschickter, diesen "ihr habt ja nichts als Leiden"-Aspekt als eigenständige vollständige Strophe zu erfassen. Hier allerdings wirkt´s eher wie ein erst vergessener und dann nachgeworfener Matschball.

    Vertiefe den Sarkasmus und die beißende Ironie und bringe nochmal alle Verachtung auf einen Punkt, denn bisher ist Dir ein angemessen hart akzentuierter Höhepunkt verloren gegangen.


  12. #12
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    *freu*
    Endlich, endlich - meine erste Danse Kritik. Juchuuuu!!!!! Ich bin der König der Welt. (Manchmal scheint es doch zu helfen, Mami am Rockzipfel zu ziehen, mit dem Fuße aufzustampfen und zu sagen: "Ich will aber!"

    Ich danke dir, Danse,
    und geh mal satzweise vor:
    In Z1&Z2 fehlt Dir ein Komma am Versende, um die Schachtelkonstruktion Deines Satze logisch sinnig zu erhalten. So kippt der Lesefluß ins Leere.
    Also in Z2 ist eindeutig ein Komma am Versende in S1 verlangt die grammatische Konstruktion m.E. keines. Ich analysiere: "Schleimig triefend ekeln mich wie nackte Schnecken Menschen." Dies ist der Hauptsatz, der in einer gewöhnlicheren Satzstellung vielleicht so lauten sollte: Wie nackte Schnecken ekeln mich schleimig (und) triefend Menschen. Wer/was ekelt mich, die Menschen. Die Menschen sind also Subjekt und dürfen unmöglich von ihrem finiten Verb vom Hauptsatz abgetrennt werden, denn sonst versteht ja keiner mehr, wer/was mich ekelt.
    Die ganze Strophe in einem Satz - Kompliment, eine sprachhandwerklich anspruchsvolle Leistung, doch unsinnig für den Lesefluß und die Rezeption des Lesers. Setze lieber hinter kreischen einen Punkt, denn dort müßte er sowieso stehen.
    Das kann ich unmöglich machen, denn "Hemmungslos in eig'ner Schwäche sich noch recken und dann bettelnd Mitgefühl udn Tränen heischen" ist kein Satz, das Subjekt würde fehlen. Wer/was kreischt den hemmungslos? Hier handelt es sich eindeutig um eine Aufzählung, die dem relativischen Nebensatz (beginnend in V2) beigeordnet ist. Mich (Akkusativ-Ergänzung/Objekt) ekeln (Prädikat) die Menschen (Subjekt), die (relativischer Satzanschluß auf das Subjekt "Menschen" bezogen) 1. ihr Schicksal in die Welten kreischen, 2. hemmungslos in eig'ner Schwäche sich noch recken und 3. bettelnd Mitgefühl und Tränen heischen. Du siehst also deutlich, daß es sich um eine Aufzählung handelt und Aufzählungen werden (zumindest nach der alten Rechtschreibung) durch Kommata abgetrennt.
    "recken" paßt inhaltlich gut zum übertragenen Bild ("seht her, ich LEIDE!!"), wirkt aber dennoch etwas zu direkt(simpel) als Reimwort auf "Schnecken", da dieser Reim sehr markant und kaum andere Variationen möglich sind.
    Hm - ja, das ist mir auch schon irgendwie aufgefallen, in meinem Reiminventar befand sich noch "strecken", was m.E. aber nicht erbärmlich genug für die Atmosphäre klang. Denn ""recken" paßt inhaltlich gut zum übertragenen Bild ("seht her, ich LEIDE!!")[...]"
    [...] ungebräuchliche Hilfskonstruktion, die erahnen läßt, daß Dir hier der Reim nicht leicht von der Hand ging.
    Ja, da triffst du mit deiner Vermutung genau isn Schwarze. Aber dies trifft auf den Großteil meiner Reime zu. Ich mache mir immer sehr lange Gedanken über passende Reime, ich stelle um, ich verwerfe, bis etwas rauskommt, das meinen Ansprüchen genügt. Ich finde "recken" paßt an dieser Stelle ausgezeichnet.
    Logisch fehlt mir vor Z3 ein "doch" um den logischen Widerspruch des lyr Ichs gegen Z1&Z2 auch sprachlich sauber einzuleiten.
    Ja, das fehlt mir auch irgendwie. Ich habe ewig an dieser Zeile gesessen, weil ich den Gegensatz zwischen mir (meinem lyr. Ich) und den ekelhaften Menschen sehr akzentuieren wollte, was mir wohl nciht gelungen ist. Ich werde darüber nochmal nachgrübeln, wie ich das besser gestalten könnte und dennoch keinen Versfuß dazufügen muß. Ich hatte natürlich überlegt, in allen Versen einen Versfuß dazu zu fügen, denn es gibt auch andere Stellen, an denen cih mir ncoh ein Wort mehr wünsche. Aber ich weiß nicht ein Heptameter finde ich dann für ein Sonett (oder sowas ähnliches) doch wieder ganz schön gewagt. Ich dachte, diesen Kompromiß eingehen zu können, da der Sinn auch ohne ein doch klar wird. Was meinst du?
    Doch da von Beginn an die gesamte Aussage des Gedichtes absolut sonnenklar dem Leser mithilfe des stumpfen Holzpflocks eingeimpft wird, entsteht kein Spannungsbogen.
    Oh, das ist schade, obwohl ich glaube, daß trotz der Holzpflockmentalität, die ich hier an den Tag legte (mehr als in anderen Gedichten), nicht jeder Leser die Aussage von Anfang an in die intendierte Richtung deutet. Diesen Zusatz in Bezug auf die "Mitleidsboten", deren Tun und Handel (also acuh deren Denken) zu erwähnen, hielt ich für sinnvoll. Die eigentliche Pointe (die natürlich in S2 schon durch das "ich will nicht jammern" vorbereitet wird, kommt eigentlich erst im letzten Duplet. Dies hier ist also noch strophische Handlung, Handlung, die die im Sonett gewünschte Antithetik über die gesamte Strophigkeit hinweg ausbreitet und am Schluß zu dem logischen Schluß kommt, der natürlich "sonnenklar" ist, aber dennoch, so hoffte ich zumindest, eine gewaltige rhetorische Geste darstellt, eine Geste, die den Leser eher affektiv, denn cognitiv ansprechen sollte.
    In dieser Kürze eigentlich überflüssig, da Du schon in S2 desgleichen anführst.
    Ja, vom inhaltlichen, also cognitiven Aspekt, natürlich überflüssig, da ich ja schon in S2 ausführe, wie mein lyr. Ich über derart Verhalten denkt, aber wie gesagt vom affektiven Gehalt sehr stark. Diese zwei Verse weisen eigentlich alles auf, das eine anständige Conclusio ausmacht: Der inhaltliche Kern wird knapp zusammengefaßt, es wird ein eindeutiger Standpunkt bezogen und dieser Standpunkt wird mit Affekt geladen, so daß er kräftig auf das Gemüt des Lesers einwirkt. Ich halte diese zwei also für den Gesamtkontext des Gedichtes für existentiell. Hier steckt eigentlich das meiste Gefühl, ja, die eigentliche Kernaussage, die Intention: Mein lyrisches Ich will nicht mit-leiden, da es ihm zuwider ist zu leiden, da es die Tränenheischer nicht zu seinen Helden auserkoren hat. Selbst wenn es mal leidet (was ja menschlich ist und kaum verhindert werden kann), dann will es seinen Schmerz nicht hemmungslos in die Welt heulen, denn es will von der Welt nicht annerkannt werden für etwas, das es erdulden muß (sein Schicksal, z.B. den Liebeskummer oder die tödlichen Krankheiten, an denen unsere liebsten Fernseh- und Romanhelden immer wieder leiden). Es will annerkannt werden für etwas, das es selbst anpacken und leiten kann. Es will für etwas annerkannt werden, das Anerkennung verdient. Leiden und Mitleiden sind m.E. zwei der unproduktivsten Handlungen des Menschen!
    LG
    vamp
    --LeV

    Man sollte keine Dummheit zweimal begehen, schließlich ist die Auswahl groß genug. ~ J.P. Sartre

  13. #13
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    Hi vamp

    Ja, was soll man denn zu so einem Werk sagen? Ich würde ja gerne (in meiner eigenen, höflichen Art) etwas meckern. Leider finde ich nichts...hm, zu dumm. Ach, da fällt mir doch noch etwas auf: ß Ist seit langem veraltet

    Gruss
    Margot

    P.S. Mich dünkt, die Kreischer haben ihr Ziel doch noch erreicht, sie bekamen ein eigenes Gedicht



  14. #14
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    Mich dünkt, die Kreischer haben ihr Ziel doch noch erreicht, sie bekamen ein eigenes Gedicht.
    Ja, so scheint es, Ignoranz ist wohl eine der Lektionen, die zu lernen mir in meinem Leben noch aussteht.
    vamp
    --LeV

    Man sollte keine Dummheit zweimal begehen, schließlich ist die Auswahl groß genug. ~ J.P. Sartre

  15. #15
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    Habe S2 jetzt nochmal ein bisschen verändert. Vielleicht schafft es das "aber" in V3 das vermißte "doch" annähernd zu ersetzen, Danse? Mal sehen...


    *edit* - Habe S2 jetzt doch wieder in ihren Urzustand überführt. Das Aber drängt den Vers zu sehr und zwingt mich an anderer Stelle aufzustocken. Im Urzustand klingt es einfach flüssiger. Der Sinn wird ja trotzdem klar.

    [Geändert durch levampyre am 06-10-2004 um 10:39]
    --LeV

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